systemisches Richtlinienpsychotherapieverständnis – Ein Dilemma?
Historisch gab und gibt es leider noch immer zwei unterschiedliche Perspektiven auf das Verständnis von Psychotherapie: Auf der einen Seite das medizinische Modell (Psychotherapie als Krankenbehandlung), auf der anderen das humanistisch-wachstumsorientierte Modell (Psychotherapie als Entwicklungsprozess).
Das medizinische Modell: Reparieren, was „kaputt“ ist
In vielen Gesundheitssystemen gilt Psychotherapie offiziell als Krankenbehandlung. Das bringt klare Vorteile mit sich: Diagnosen, evidenzbasierte Methoden, Abrechenbarkeit und Schutz vor unseriösen Angeboten. Der Fokus liegt auf Symptomreduktion.
Doch dieses Modell birgt eine Gefahr: Es reduziert den Menschen leicht auf seine Defizite und Symptome. Der Blick bleibt auf dem, was „nicht funktioniert“, statt auf dem, was werden könnte.
Virginia Satir: Psychotherapie als „people making“
Virginia Satir (1916–1988) sah Psychotherapie grundlegend anders. Für sie ging es nicht primär um Reparatur, sondern um Wachstum und Entfaltung.
Jeder Mensch besitzt innere Ressourcen und ist grundsätzlich wertvoll – unabhängig von seinen aktuellen Verhaltensmustern oder Symptomen.
Satir wollte Menschen helfen, authentisch zu kommunizieren, ihre eigene Würde zu spüren und in Beziehungen lebendig zu sein. Ihre berühmten fünf Freiheiten laden zur Kongruenz und Selbstverwirklichung ein.
- Die Freiheit zu sehen und zu hören, was wirklich da ist (statt was sein sollte).
- Die Freiheit zu sagen, was man wirklich fühlt und denkt.
- Die Freiheit zu fühlen, was man wirklich fühlt.
- Die Freiheit zu bitten, was man braucht.
- Die Freiheit, Risiken einzugehen – für das eigene Wachstum.
Günther Schiepek und die synergische Perspektive
Günther Schiepek liefert mit seiner synergischen Perspektive (basierend auf der Synergetik von Hermann Haken) ein modernes, wissenschaftlich fundiertes Modell für Selbstorganisationsprozesse, die nicht nur Musterbildung auf der Verhaltensebene sondern auch auf neuronaler Ebene beschreiben. Man kann sich die Persönlichkeit eines Menschen wie eine Potentiallandschaft vorstellen: Also eine hügelige Landschaft, mit Tälern und Bergen. Jedes Tal steht für einen Attraktor – ein stabiles Muster aus Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen. Die Tiefe eines Tals zeigt, wie stabil und schwer zu verlassen dieses Muster ist.
Schiepek zeigt, dass psychische Symptome oft das Ergebnis von Selbstorganisationsprozessen sind: Unter ungünstigen Bedingungen (wiederholte negative Erfahrungen, Stress, belastende Beziehungen) verengen sich die Möglichkeitsräume. Problematische Muster graben sich tief ein und werden zu rigiden, stabilen Tälern, aus denen das System nur schwer herausfindet und/oder Symptome entstehen.
In diesem Modell kann Psychotherapie Bedingungen schaffen, unter denen das System sich selbst neu organisiert. Durch gezielte Veränderungen von Kontrollparametern (z. B. in der therapeutischen Beziehung, durch Ressourcenaktivierung oder bewusste Aufmerksamkeitslenkung) lassen sich rigide Attraktoren destabilisieren.
Es entstehen Phasen der Instabilität, aus denen neue, flexiblere und lebendigere Muster hervorgehen können – die Potentiallandschaft wird wieder weiter, vielfältiger und entwicklungsfähiger.
Die synergetische Perspektive erklärt einerseits, wie negative Muster und letztlich Symptome entstehen, erklärt den Menschen aber nicht zu einem defekten Objekt, das repariert werden muss, sondern zu einem selbstorganisierenden System mit einem großen inneren Potential für Ordnungswandel und Wachstum. Psychotherapie wird zum synergetischen Prozessmanagement – zur intelligenten Begleitung von Selbstorganisation.
Was könnte demnach Psychotherapie sein?
Satir zeigt warum und wozu wir wachsen wollen: für mehr Authentizität, Würde und lebendige Beziehungen. Schiepek liefert das wissenschaftliche Fundament und erklärt wie dieser Wachstumsprozess in komplexen Systemen tatsächlich abläuft. Zusammen bilden sie ein starkes Argument für eine synergische, potentialorientierte Psychotherapie – jenseits eines rein symptomzentrierten Reparaturmodells.
Beide sehen den Menschen als lebendiges, selbstorganisierendes System, dessen Entfaltung im Mittelpunkt stehen sollte, unter Anerkennung der Tatsache dass solche Prozesse häufig Unterstützung benötigen. Ab einer gewissen Schwere des Leids ist dies zumindest in diesen Fällen mit der Logik des Gesundheitssystems im Einklang, dass es professionelle Hilfe bedarf, um komplexe Prozesse im bio-psycho- sozialen System zu reorganisieren. Gleichzeitig möchte ich hier auch darauf verweisen, dass soziale Systeme (Familien, Gruppen, Gemeinschaften), ebenso ein erhebliches Potential zur Förderung von Veränderungen haben, wenn diese offen für Veränderung und für die Vielfalt des Lebens sind. Sofern ein soziales System nicht selbst über die Ressourcen verfügt, können diese auch mit Hilfe von nicht im Gesundheitswesen tätigen ausgebildeten systemischen KollegInnen entwickelt werden.
Integration der beiden Perspektiven
In akuten Krisen oder bei schwersten Störungen kann eine klare, symptomorientierte Herangehensweise sinnvoll und notwendig sein. Hier ist die Logik der Krankenbehandlung zunächst ein schlüssiger Ansatz.
Gleichzeitig verlieren wir etwas Wesentliches, wenn wir nur in dieser Logik denken: Die Freude am persönlichen Wachstum, die Würde jenseits der Diagnose und die Möglichkeit tiefgreifender, nachhaltiger Veränderung.
Gute Psychotherapie kann beides – Leiden lindern und Leben bereichern. Sie hilft nicht nur, aus engen Tälern herauszukommen, sondern die ganze Potentiallandschaft wieder lebendig und vielfältig zu machen. Allerdings setzt dies die eigene Bereitschaft zur Transformation und Veränderung voraus.
siehe auch:
Literatur
Satir, V. (1994). Kommunikation. Selbstwert, Kongruenz, Paderborn.
Schiepek, G. (2006). DIE NEURONALE SELBSTORGANISATION VON PERSÖNLICHKEIT UND IDENTITÄT THE NEURAL SELF-ORGANIZATION OF PERSONALITY AND PERSONAL IDENTITY.
Stierlin, H. (1976). Das Tun des einen ist das Tun des anderen: Eine Dynamik menschlicher Beziehungen.