Der Edeka Werbespot und die Einsamkeit an den Feiertagen – einige ergänzende Statements zu den 3 Fragen in den Lübecker Nachrichten

LN

 

Der Edeka Werbespot (Link zum Edeka Spot) zu Weihnachten verbreitet sich derzeit in den sozialen Medien. Virales Marketing, es funktioniert. Das zentrale Thema ist  Einsamkeit und der Umgang mit ihr. Die Lübecker Nachrichten haben am 06.12.2015 dazu einen Artikel veröffentlicht, in dem ich in wenigen Worten etwas zum Thema Einsamkeit erklärt habe. Meine Gedanken etwas ausführlicher finden Sie im Artikel unten:

 

Was passiert mit einem Menschen, wenn er dauerhaft einsam ist?

Man geht davon aus, dass dauerhafte Einsamkeit und soziale Isolation negative Folgen auf die körperliche wie auch auf die psychische Gesundheit haben. Für uns Menschen war die Gemeinschaft früher überlebenswichtig. Daher ist der Kontakt zu anderen ein ähnliches Grundbedürfnis wie Durst oder Hunger. Stress, Depressionen bis hin zu einer kürzeren Lebensspanne (bedingt durch Stress, der sich negativ auf die körperliche Gesundheit auswirkt) können die Folgen sein.

Das fatale ist, dass es für viele Menschen die lange Zeit einsam sind, zunehmens schwerer wird, Kontakt zu anderen aufzubauen. Durch lange Einsamkeit ist man meistens zu sehr mit sich selbst beschäftigt oder gelangt zu Überzeugungen die den Kontakt zu anderen erschweren.

Wir reden hier allerdings über lange Einsamkeit und Isolation. Hin und wieder Zeit alleine zu verbringen ist nichts schlimmes. Wir Menschen brauchen auch Zeiten, in denen wir uns mit uns selbst befassen können.

 

Was kann man gegen das Gefühl von schmerzhafter Einsamkeit (also nicht gesundem Alleinsein) tun?

Wenn man schon länger einsam ist und das Gefühl hat, selbst nichts dagegen tun zu können, sollte man dringend professionelles Hilfe in Anspruch nehmen. Meistens ist man dann schon in eine negative Spirale geraten, aus der man mit professioneller Hilfe aber wieder relativ gut herausfindet.

Wenn man die Einsamkeit als Warnsignal frühzeitig erkennt, ist es meistens leichter möglich, sich aktiv um alte und neue soziale Kontakte zu kümmern. Vereine oder Gruppen mit gleichgesinnten besuchen oder hier und da das Gespräch mit den Nachbarn suchen und dabei zu schauen, welche Menschen gut zu einem passen. Das entscheidende ist, Dinge zu tun, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, Gleichgesinnte zu finden.

Ebenfalls wichtig ist die Beziehung zu uns selbst. Wenn man sich selbst gegenüber gütig und wohlwollend ist, ist das sicherlich deutlich hilfreicher, als wenn man sich selbst gegenüber sehr kritisch oder abwertend verhält. Eine gute Beziehung zu sich selbst hilft auch positive Beziehungen zu anderen aufzubauen.

Ein weiterer wichtiger Punkt sind die eigenen Erwartungen. Wenn man aus dem Haus geht, weil man unbedingt Leute kennen lernen muss, ist das oft schwieriger, da man sich selbst unter Druck setzt und unter Druck gelingt uns vieles schlechter. Warum nicht mit einer gesunden Neugier aus dem Haus gehen und einfach mal schauen, was es da draußen für Menschen gibt, was sie glauben, fühlen, hoffen kurzum: was sie bewegt. Eine Entdeckungsreise in die Vielschichtigkeit des Menschseins. Die Bekanntschaften und Freundschaften entstehen dann mehr als Folge und es vergeht kein Tag, an dem man nicht etwas dazu gelernt hat, weil man wieder etwas mehr über sich und andere erfahren hat.

 

Warum fühlen sich Menschen gerade während der Feiertage besonders schnell alleine?

Traditionell sind es ja die Tage der Familienfeste. Oft denken die Menschen: „Alle anderen sind jetzt bei Ihren Familien und Freunden, nur ich sitze hier alleine“. Da das allerdings eine ganze Menge Leute denken, gibt es vielleicht auch viele die sich freuen, wenn man etwas mit ihnen gemeinsam unternimmt. Man ist also nicht unbedingt alleine mit seinem Alleinsein. Das bietet doch eine gewisse Chance. Vielleicht gibt es viel mehr Menschen, die sich über eine Einladung freuen, als man denkt.

 

Fühlen sich heute mehr Menschen alleine, weil sich die Gesellschaft verändert hat? Hat der Stellenwert der Familie abgenommen?

Sicherlich haben sich Familien- und Beziehungsmodelle in den letzten 100 Jahren drastisch verändert. Früher war ein funktionierender Familienverbund deutlich wichtiger für das materielle Überleben und/oder die Alltagsbewältigung als heute. Mir liegen im Moment aber keine Daten vor, ob sich die Menschen heute mehr oder weniger einsam fühlen.

 

Warum spricht der Edeka-Werbespot so viele Menschen an?

Ich nehme an, dass sich viele in dem Spot wieder finden. Die Anforderungen des Alltags, die Arbeitswelt wird immer schneller und fordernder, immer mehr Menschen finden nicht mehr die Zeit, ihre sozialen Kontakte zu pflegen. Leider fehlt uns daher auch die Zeit, über das wesentliche im Leben nachzudenken. Der Spot erinnert uns wohl auf eine sehr charmante Art daran, dass es die Menschen um uns herum sind, die das Leben lebenswert machen.

 

Wie bewerten sie das Verhalten des alten Mannes und seiner Familie in dem Spot?

Der Spot braucht natürlich eine solche Pointe, damit er wirkt. Im echten Leben müsste man wohl feststellen, dass die Familienmitglieder eigentlich nicht mehr im Kontakt miteinander sind. Wenn die Todesanzeige die einzige Möglichkeit wäre, die Familie an den Tisch zu bekommen, scheinen die Familienmitglieder ihre Prioritäten nicht gerade im Miteinander als Familie zu sehen. Dann wäre es wohl ehrlicher, dies deutlich und klar zu thematisieren und entweder neu aufeinander zu zu gehen oder sich voneinander zu verabschieden. Die „Tut mir leid, ich habe dieses Jahr keine Zeit“ Karten erscheinen zwar sehr bequem, nehmen aber der Familie die Möglichkeit, ins Gespräch zu kommen, was es bräuchte, dass alle gerne kommen.

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