Delinquente Lebens- und Beziehungsmuster: Gewalt

Delinquente Lebens- und Beziehungsmuster: Gewalt

Gewalt ist der Versuch, den eigenen Ohnmachtsgefühlen und dem Gefühl klein, schwach und hilflos zu zu sein zu entfliehen. Gewalt ist sozusagen eine, in der Regel, unbewusste Abwehrstrategie um die zuvor beschriebenen Gefühle nicht erleben zu müssen. Ursache sind in der Regel eigene frühe Opfererfahrungen der Gewalttäter in der Kindheit und Jugend, welche durch andauernde Kränkungen, Zurückweisungen, Demütigungen oder Schläge gekennzeichnet war.

Gewalttäter haben wenig bis keine Ressourcen und Strategien erlernt, um auf eine andere Art, die keinen Schaden anrichtet, mit Ohnmacht und Hilflosigkeit umzugehen.

Nach Deegener (1999)⁠ finden sich bei Gewalttätern folgende Hauptfaktoren für gewalttätiges Verhalten:

1. Stolzvakuum

das ideale Selbst (Wunschbild) und das reale Selbst weichen sehr weit voneinander ab in Punkten, die dem betroffen besonders wichtig sind. Deegener (1999)⁠ nennt dies Stolzhitliste, also Punkte auf die man besonders Stolz sein möchte, diese aber nicht erfüllt.

2. früher Verlust von Größenphantasien

Kindliche Sehnsüchte, etwas besonders und einzigartiges zu sein oder zu vollbringen wurden auf radikale Art und Weise in frage gestellt oder zerstört. Dies kann zum einen durch Unterdrückung und Demütigung durch Eltern oder aber durch Mobbing in der Peergruppe geschehen.

3. früher Verlust von Geborgenheitsgefühlen

Kinder, die mit dem Gefühl aufwachsen: „es kümmert sich sowieso niemand um mich“, finden meistens auch keinen Grund, warum sie sich um die anderen kümmern sollten. Somit sind auch die Regeln und Normen der Anderen unbedeutend.

4. unvollständige Männerrolle

Fehlen positive, gesunde gleichgeschlechtliche Rollenmodelle, mit denen sich der Jugendliche identifizieren kann, kann keine sichere Rollenidentifikation entstehen. Aus dieser Unsicherheit heraus, wird versucht, rigide und radikal ein extremes Rollenbild (z.B. „Rambo“) zu leben.


Auch diese  unterscheidung  (Deegener, 1999) erscheint interessant:

Ichbezogen Fremdbezogen
Offensiv Statusbalance Rache
defensiv Aggressionshemmung Konformitätsneigung
1. offensiv-ichbezogen: Statusbalance

Dieser Typus hält sich für überlegen und glaubt, dass ihm mehr zu steht als anderen. Wenn dies nicht so ist, kann er dies nicht akzeptieren und versucht, durch Gewalt, andere abzuwerten. Dies verschafft ihm kurzfristig narzisstische Befriedigung, die aber in der Regel nicht lange anhält.

2. offensiv-frendbezogen: Rache

Dieser Typus kann es nicht ertragen, wenn ihm nahestehende Menschen leiden. Er ist sensibel für Ungerechtigkeiten gegenüber seinen nahen Mitmenschen. Sofern er einen „Schuldigen“ identifizieren kann, nimmt er „Rache“. Er tut dies aber auch, um sich vor eigener ungerechter Behandlung zu schützen, in dem er durch die Taten zum Ausdruck bringt, dass man mit ihm so etwas nicht machen kann. Dies geschieht allerdings eher auf einer weniger bewussten Ebene.

3. defensiv-ichbezogen: Aggressionshemmung

Dieser Typus ist eher introvertiert, gehemmt und zurückhaltend. Er „sammelt“ über lange Jahre Kränkungen, Demütigungen die er in sich aufstaut. Irgendwann reagiert er sich an einem dann eher zufälligen Opfer ab.

4. defensiv-fremdbezogen: Konformitätsneigung

Dieser Typus ist (in der Jugend) eher isoliert und einsam, sucht aber Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Dies gelingt ihm in der Regel nicht. Wenn er an eine Gruppe gerät, deren Mitgliedschaft er sich als gewalttätiger Handlanger erkaufen kann, geht er diesen Weg besonders radikal, um sich seine Zugehörigkeit zu sichern.

Behandlungsoptionen:

Prinzipiell bestehen sehr gute Behandlungsmöglichkeiten und Chancen, jedoch scheitern diese zumeist an der Bereitschaft, sich auf eine Therapie einzulassen. Diese würde ja bedeuten, eigene Unzulänglichkeiten offen einzugestehen. Wenn die Betroffenen dies bereits könnten, wären sie in der Lage, ihre Beziehungen wesentlich gewaltfreier zu gestalten.

Leider entsteht eine echte Therapiemotivation häufig erst im Verlauf einer längeren Inhaftierung oder sofern der betroffene irgendwie sonst viel zu verlieren hat, und ernsthafte Konsequenzen bevorstehen.

Quellen:

Deegener, G. (1999). Sexuelle und körperliche Gewalt. Beltz, Psychologie-Verlag-Union.

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